Null Grad Kelvin

Es war 1981 und es war Martin, der mich in die Unterfahrt verschleppte. Wir trotteten quer durch Haidhausen und ich war mit Frieren beschäftigt. Meine Strickjacke entsprach den stilistischen Anforderungen der Friedensbewegung, aber nicht dem kalten Wind, der durch die Häuserzeilen pfiff.
Schon beim Öffnen der Tür schlug uns feuchte Wärme ins Gesicht, hinter dem Vorhang herrschte tropisches Klima. Der Raum war vollgestopft mit Menschen, die lebhaft miteinander diskutierten, während auf der Bühne ein junger Pianist begeistert einen Boogie in die Tasten drückte.

Wir fanden zwei unbequeme Stühle an einem kleinen Bistrotisch, der zur Hälfte von einem Mann mit viel Körper okkupiert war, der in der Farbe gekleidet war, die wohl die Modefarbe der Jazzer war. Schwarz.
„Nicht Dschäßer“, dozierte Martin im Flüsterton, „Jatzer.“
Es gab also auch akustische Codes, die man beherrschen musste, wenn man in einem Jazzclub nicht aus der Menge stechen wollte. Mein Blick über die Nachbartische ergab, dass Bier als Getränk bei Insidern akzeptiert wurde. Ich hatte befürchtet, ich müsste irgendeinen Longdrink mit Südfrüchten oder einen Cocktail mit Oliven bestellen.

Wir drehten uns Zigaretten, denn Jatzer waren nikotinabhängig. Zigaretten, Zigarillos, Zigarren, die eine oder andere Pfeife und da war auch der süßliche Geruch von Haschisch in der Luft, bildete ich mir ein. Als die Band ihre Plätze einnahm und der Bassist sein Instrument zu stimmen begann, sah man die vier Männer kaum durch die Rauchschwaden, dabei war die Bühne höchstens vier Meter von uns entfernt.
Es ist mir unbegreiflich, dass wir kollektiv der Meinung waren, es wäre völlig normal, einen Raum so zu verräuchern. Wie hier Sänger*innen überhaupt auftreten konnten, bleibt mir ein Rätsel.

„Früher war München eine Jatz-Stadt“, erklärte unser Tischnachbar. „Da gab es das Allotria, das Tabarin, den Hot Club, die Stadt Wien, das Blue Note, das Rondell, die Nachteule und den Keller-Club und das sind noch nicht einmal alle, die es gab.“
Martin bestellte uns noch eine Runde Bier, während der Schlagzeuger seine Trommeln stimmte, denn anscheinend muss man auch Trommeln stimmen.
„Jetzt gibt’s nur noch die Unterfahrt“, brüllte unser Nachbar. Pause. „Und das Blue Note“. Pause. „Und den Keller-Club. Aber sonst nichts mehr.“
Wir nickten mitleidig und prägten uns das Gesagte ein. Die Band begann zu spielen. Der Schlagzeuger hatte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Animal von den Muppets und er klang auch ähnlich. Bloß viel, viel schneller. Der Bass nahm jeden zweiten Takt mit, das Piano steuerte ab und zu einen Akkord bei, das Saxophon war noch getriebener als Animal.
Ich lehnte mich zu Martin und plärrte so leise, wie es ging in sein Ohr: „Ist das Jatz?“
„Klar“, antwortete er und nickte begeistert weiter mit dem Kopf. So hörte man nämlich Jatz-Musik. Entweder man nickte mit oder klopfte den Takt mit einem Fuß oder man schloss verträumt die Augen oder man fixierte die Musiker intensiv, als könnten sie sich im nächsten Moment für alle Ewigkeit in den Rauchschwaden auflösen.
Ich nahm allen meinen Mut zusammen und fragte unseren Nachbarn: „Ist das Jatz?“
„Nein“, er blickte mir streng in die Augen, „das ist Bebop“.

Bebop wurde nicht mein Lieblingsjazz. Aber ich besuchte die drei Münchner Clubs gerne. Ich hielt mich im Hintergrund und sagte und fragte lieber nichts, denn zumindest in den Achtzigern blieben die deutschen Jazzer gerne unter sich. Offen, freundlich und zugänglich war die Szene nicht. Ganz im Gegensatz zu dem, was es zu hören gab, denn Jazz war nicht nur die Quelle der gegenwärtigen Radiomusik, sondern spielte mit allem, was sich überhaupt als Musik ausdrücken ließ. Und eigentlich ist alles Musik, außer bei null Grad Kelvin.

Als der Smooth Jazz durch Sade wieder in den Hitlisten landete, spülte es junge Menschen in die Clubs. Die hatten noch nicht gelernt, mit der Szenerie zu verschmelzen und kein Wort fallenzulassen, das mit Musik zu tun hatte und so perlten sie an der Jazzszene ab wie Wassertropfen auf einer Ente. So war das gewollt. Trotzdem pflegte man wehleidig Weltuntergangsstimmung, weil die Spießer einfach nicht verstanden, was das einzig Wahre und Hehre und Richtige ist.
Keine Ahnung, warum mich keiner mag, du blöde Sau!

Das war traurig anzusehen, denn tatsächlich blieb irgendwann nur die Unterfahrt übrig. Diese Arroganz hat eine längere Geschichte, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Nicht wenige der älteren Jazzliebhaber waren in der Swingjugend aufgewachsen, einer musikalischen Widerstandsbewegung im Dritten Reich. Die Nazis hatten nicht nur Zeitungen, Radio und Film gleichgeschaltet, sondern mit als Erstes die entartete „Negermusik“ verboten. Man hatte sich zu verstecken, es galt unter sich zu bleiben, Neuankömmlinge wurden abgewiesen.

Es gab aber mittlerweile auch Kriegsenkel wie mich auf der Bühne und so ließ ich wenige der Konzerte von Barbara Dennerlein in München aus, mein Jahrgang. Bloß, dass sie praktisch alleine die Hammond-Orgel als Instrument ins 21. Jahrhundert gerettet hat und ich mich sogar an einer Maultrommel verletzen kann.
Ich arbeitete bald zu viel und hatte bald zu viele Kinder und verzog bald in den Speckgürtel von München. So endete meine Zeit als Jatzer genauso heimlich wie sie begonnen und bestanden hatte.

Die Website der Stadt München listet sieben Jazzclubs auf. Drei davon kenne ich nicht, drei sind weder Clubs, noch spielen sie wirklich Jazz. Ganz oben auf der Liste steht die Unterfahrt. Immer noch. Sie ist nicht mehr in Haidhausen, sondern in der Au. Wenn ich mir das Programm anschaue, erkenne ich höchstens zehn Prozent der Namen. Wenn ich mir die Videos anschaue, sehe ich, dass sie im Durchschnitt 1.500 Views haben.

Aber ich sehe auch, dass in der neuen Unterfahrt, mit den neuen Musikern und wahrscheinlich mit neuem Publikum nicht geraucht wird.
Ich sollte mal wieder vorbeischauen.

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