Hänsel und Gretel und das Smartphoneproblem

Schreiber, die vor 2007 erwachsen geworden sind, haben ein Problem. 2007 kam das iPhone auf den Markt, keine sechs Jahre später verfügte die Mehrheit der Europäer bereits über ein Smartphone. Wenn man also eine Geschichte ersinnen wollte, die in der Gegenwart handelte, musste man auf viele liebgewonnene Plots verzichten. Ein paar Beispiele?

Julia schreibt eine WhatsApp: „Cooler Trick: Ich nehme einen Schlaftrunk, alle denken, ich wäre hinüber. Schon muss ich diesen pickligen Paris nicht heiraten. Bis bald!“. Es folgen fünfzehn Herzchen-Emoticons. Romeo liest das und antwortet: „Geile Idee! Ich werd‘ mir zum Schein die Augen rausheulen und danach lassen sie uns alle in Ruhe!“.
Daraufhin eilt er nicht nach Verona, bringt sich nicht am scheinbaren Grab von Julia um und sie erdolcht sich nicht aus Gram. Da geht sie hin, die tragische Liebesgeschichte! Wahrscheinlich heiraten die beiden, bekommen einen Haufen Kinder und leben von dem Geld, dass Romeo als Fechtlehrer verdient. Als er vierzig wird, verliebt er sich und verlässt Julia. Sie beginnt zu töpfern. Wer will das denn lesen, hören oder sehen?

Ja, und das. (OW, 2013)

Kaum hat die Trireme mit dem König von Ithaka das brennende Troja verlassen, zerfetzt ein Unwetter, ausgelöst durch die schlechte Laune von Poseidon, das Segel und man kommt weit vom Kurs ab. Doch Odysseus spricht in sein Handy: „Wie komme ich am schnellsten von hier nach Hause“ – Maps berechnet den Kurs und der digitale Assistent ergänzt: „Vergiss nicht, die Pokemonkarten mitzubringen, die Du Telemachos versprochen hast!“.
Polyphem wird nicht geblendet, Skylla und Charibdis nicht umschifft, die Sirenen treten bei „Minos sucht den Superstar“ auf, Circe entdeckt ein neues Hobby und handelt Aktien in Ägypten und wir hören nie von den Kikonen, Lotophagen, Laistrygonen und den Phaiaken. Danke, Steve Jobs!

Es gäbe noch viele Beispiel aufzuzählen. Bittere Wortgefechte, die überflüssig werden, weil man ja schnell auf der Wikipedia die Fakten checken kann. Warum sich in einem Labyrinth verlaufen, wenn man auf Maps alles bequem von oben betrachten kann? Sehnsucht nach dem Antlitz der Geliebten: Facetime, Zoom oder Hangouts trösten über den größten Schmerz hinweg. Unlösbare Rätselfragen der Sphinx kann man schnell auf Quora, reddit, riple.io oder AskFM knacken lassen. Wer beim Anblick der Medusa vor Schreck erstarrt, hat wohl vergessen, vorher ihr Profil auf Facebook zu besuchen – das hätte sicher für eine mittelschwere Übelkeit gereicht.

Drehbuchschreiber erledigen das Smartphoneproblem gerne schon am Anfang. Bei der Exposition fällt dann der unschuldige Satz: „Hat hier ja gar keinen Empfang in dieser abgelegenen Hütte, mitten im Wald, wo völlig unerwartet schon ein Dutzend Menschen verschwunden sind und die wir nicht besuchen dürfen!“. Oder man verlagert alles zurück in die nahe Vergangenheit. Der Boom an Inhalten, die momentan in den Achtzigern angesiedelt werden, hat genau diesen Grund.

Das ist faules Schreiben. Kann man machen. Und ich verstehe das. Das Problem ist offensichtlich. Das Smartphone ist wie die Magie von Dumbledore, wie das techno babble bei Star Trek und wie der Deus ex machina in den Tragödien der Antike: Es löst zu viele Probleme und der Konflikt verpufft; die Lesenden fühlen sich übertölpelt.

Dabei ist es nicht so, dass die Technologie Probleme hinfällig macht, wie manche Schreibenden klagen. Die Wahrheit ist, dass sie neue Probleme schafft, die durchaus auch als Konflikt in einer Erzählung geeignet sind.
Es gibt viele Geschichten zu schreiben, die ich noch nicht gelesen habe: Was sind Phishingseitendesigner oder Twittersüchtige für Menschen, was ist deren Geschichte oder deren Problem? Warum geben sich eigentlich Psychologen dafür her, bei Facebook dafür zu sorgen, dass die User möglichst viel Werbung sehen müssen? Wie ergeht es Eltern, die zuschauen müssen, wie Instagram ihre Kinder unglücklich macht?

Eines ändert sich nie: Die Komödie und die Tragödie, die man Leben nennt. Auch in ferner Zukunft werden Menschen nur die eine Gewissheit haben, eines Tages sterben zu müssen. Sie werden lieben, leiden, einsam sein oder Glücksgefühle erleben, die sie von Grund auf verändern.

Es wird immer etwas zu schreiben geben.

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