Die Hemmung der Zeit

Die diesem Essay zu opfernde Lebenszeit beträgt, bei durchschnittlicher Lesegeschwindigkeit: 10 Minuten; dies entspricht bei normaler, momentaner, mitteleuropäischer Lebenserwartung einem Viermillionstel.

Seit ich den „Herren der Ringe“ gelesen habe, wahrscheinlich 1979, bin ich Fantasyleser. Das Genre hat sich seitdem deutlich entwickelt. Heutzutage schreibt man besser keinen „Chosen One“, lässt ihn nicht gegen das personifizierte Böse antreten und am besten siedelt man die Geschichte auch nicht im europäischen Mittelalter an.
Gut so. Denn das Fantasy-Mittelalter war selten gelungene Fiktion, der Einfluss von Walt Disney entscheidender als der archäologischer Funde. Drei Punkte an diesen erdichteten Gesellschaften irritieren mich, weil prä-technologische Feudalgesellschaften falsch verstehen.

Erstens: Ach, wie schön ist Auenland!

In vielen Fantasyromanen beginnt die Geschichte nicht mitten in einer Stadt oder an einem Königshof, sondern auf dem Land. Wo die Dinge ihren natürlichen Gang gehen, das Leben einfach ist, das Essen schmeckt und alle frohlocken, lebt man doch glücklich in einer Gemeinschaft, wo einer über den anderen wacht.
Blickt man aber zurück in unser Hochmittelalter, sieht man, dass 90% der Europäer Bauern waren und damit auch 90% der Europäer hungerten. Die Geschichte Europas ist eine Geschichte des Hungers. In Irland verhungerten noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts über eine Million Bauern.
Im Deutschland des Mittelalters dürfte die Durchschnittsernährung hauptsächlich aus Bier, Brot, Bohnen und gelegentlich Fleisch bestanden haben. Und bei „Fleisch“ war man nicht wählerisch, auch Maus, Katz und Eichhörnchen kamen in der Not auf den Tisch.
Sicher ist der europäische Hunger im Kern klimabedingt, doch war er auch ein hochwillkommenes Herrschaftsinstrument. Weil eben im Kern etwas wahr ist an Bert Brechts „Erst das Fressen, dann die Moral“, kommt es erst in den letzten Sekunden des Mittelalters zu Bauernaufständen.

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Als HIntergrundmusik während des Lesens empfohlen, um die Zeit optimal zu nutzen: Sign O‘ The Times von Prince

Zweitens: Amen!

Ein weiterer wichtiger Baustein im Seelenleben eines mittelalterlichen Menschen ist die Religion. Für uns Gottlose ist nicht zu erahnen, wie sich Leben anfühlt, wenn man nicht den geringsten Zweifel an der Existenz einer Gottheit hat. Selbst wenn diese, im Sinne der Herrschenden, zu einem strengen Richter verwandelt wurde, ist es doch ein Trost in einer geordneten Welt zu leben, in der das Geistliche am Ende oder danach über dem Weltlichen steht.
In der Fantasy finden wir meistens den Polytheismus, angelehnt an griechische oder nordische Götterhimmel, oder aber, wie im Fall des „Herrn der Ringe“ wenig bis gar keine Religion.
Noch meine eigene Großmutter, sicher nicht die Frömmste, lebte ihren Katholizismus in dem Bewusstsein, dass jede Erscheinung ein Fingerzeig auf den göttlichen Willen darstellt. Atheisten nennen das gerne Aberglauben und oft genug stellte sich das für mich auch so dar. Mir war es ein Rätsel, warum man sich beim Anblick einer schwarzen Katze bekreuzigen muss oder beim Abendgebet an die hungernden Kinder in Indien denken soll.
Aber diese Form der Religiosität hat auch eine ermächtigende Seite, denn sie verleiht das Gefühl einer Selbstwirksamkeit, die man gottlos in einem kalten, leblosen Universum vielleicht vermisst.

Drittens und eigentliches Thema: Wie weit ist es bis Rom?

Wenn es schon schwierig genug ist, sich in ständigen Hunger und ständige Überwachung oder Behütung durch einen Gott hineinzuversetzen, wie unmöglich ist es dann, sich vorzustellen, dass man Zeit hat?
Wie wusste ein Durchschnittseuropäer im Mittelalter, welche Stunde geschlagen hat? Die wissenschaftlich korrekte Antwort ist: Gar nicht. Selbst, wenn in seinem Dorf ein Kirchturm oder ein Kloster stand – was die Ausnahme war und nicht die Regel – so wussten die Männer Gottes auch nicht mehr über die Uhrzeit.
Eine Stunde, selbst wenn sie gemessen hätte werden können, schwankte zwischen dreißig und neunzig Minuten. Da hilft keine Stundenkerze, wie man sie in historischen Romanen gerne findet, die aber für den Alltagsgebrauch zu teuer waren.

Erklärende Tangente: Seit dem Alten Reich in Ägypten teilen wir den Tag in 24 Stunden. (Das Alte Reich ist furchtbar lange her. Kleopatra ist uns zeitlich näher als ihr die Erbauung der Pyramiden von Gizeh.)
Den Ägyptern entging nicht, dass es Tag und Nacht gibt. Man legte fest, dass der Tag bei Sonnenaufgang beginnt und die Nacht bei Sonnenuntergang. Klingt für Wesen, die sich visuell orientieren, physiologisch vernünftig. In Ägypten, näher am Äquator, sorgte das auch nur für geringe Schwankungen zwischen Winter und Sommer. Die Griechen stahlen das Modell, die Römer entwendeten es den Griechen und schon sind wir im Mittelalter in Westeuropa, wo der Tag im Sommer sechzehn Stunden hat und dafür die Nacht im Winter.

„Eine Stunde“ dauerte also im Winter 30 Minuten und im Sommer neunzig. Das hat aber niemanden in Wallung gebracht, denn „Minuten“ und „Sekunden“ waren noch harmlose Winkelgrade und dienten nicht der Zeitmessung.

Wie fühlt es sich wohl an, im Sommer drei Mal so viel Zeit zu haben wie im Winter?

Ob diese Zeitlosigkeit des mittelalterlichen Menschen so paradiesisch war, wie wir uns das vorstellen, die wir eine Zugverspätung von 10 Minuten in einen Tweet der Entrüstung verwandeln, sei dahingestellt.
Der große Unterschied ist, dass man Raum hatte für Unterbrechungen. Egal, wie tief man im Schatz unserer Mythen, Legenden und Märchen gräbt, stets findet sich das Motiv, dass Fremde sich begegnen und sich Raum im Leben geben. Der Wanderer, der mit dem Bauern schwätzt; der Gast, der selbstverständlich bewirtet wird, oder die Nachbarn, die jederzeit das Haus betreten dürfen – ohne vorher anzurufen, oder den Anruf per Messenger anzukündigen. Sich Zeit nehmen, heißt in seiner Seele Platz schaffen für Andere und Anderes und mit dieser Gunst werden wir immer sparsamer. Wir wollen unser Innenleben gefälligst nach eigenen Wünschen einrichten.

Wesen wie das Kaninchen in „Alice im Wunderland“, das unentwegt auf seine Uhr starrt, weil es immer zu spät ist, sind eine Fantasie der Moderne. Helden, die sich um eine bestimmte Uhrzeit am Stadttor treffen oder Diebesbanden, die nur fünf Minuten zum Ausrauben der Schatzkammer haben, sind Fantasien von Fantasyautor:innen, die unsere Zeitnot als moderne Menschen als Werkzeug benutzen, um Spannung zu erzeugen.

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Schematische Darstellung einer Hemmung (Bauteil A). Schön erklärt in diesem Video, leider in Englisch.

Die Zeitlosigkeit des Menschen endet. Mit der Hemmung der Zeit. Eine „Hemmung“ ist ein Hebelchen mit zwei einwärts gerichteten Zacken, welches von einem Zahnrädchen mit verbogenen Zähnen im Sekundentakt hin- und hergeschaukelt wird. Ein winziges Stück Metall, das auch heute noch in jeder mechanischen Uhr schlägt.
Die Hemmung unterteilt die Sprungkraft der Feder in genau gleichgroße Häppchen Zeit. Damit schafft sie ein Verständnis der Natur, welches nicht mehr unserer Wahrnehmung entspricht. Mit der Verbreitung von Uhren in Kirchtürmen oder den Westentaschen umtriebiger Händler haben sich Tag und Nacht der Hemmung zu beugen.
Die 24 Stunden einer Erdumdrehung werden in exakt gleich große Stücke zerlegt. Wer ab dann in der Vorstellung lebt, dass der Tag mit Sonnenaufgang beginnt, hat sich getäuscht: Ein Tag beginnt in der Sekunde nach der Mitte der Nacht. Logisch.

Animalische Tangente: Jeden Herbst kann ich beobachten, wie unphysiologisch es für einen Organismus ist, sich nach der Uhrzeit zu richten und nicht nach der Tageszeit. Meine Hunde, würden sie ein Interview geben, sind der Meinung, ich gehe mit ihnen Gassi, wenn der Tag beginnt. Im Sommer lasse ich sie zu lange warten und jeden Herbst wundern sie sich, dass sie im Dunkeln aufbrechen sollen – mein Argument, dass dies an der Hemmung liegt, erschließt sich ihnen nicht.

Die Hemmung, diese winzige Mechanik, verändert unser Verständnis von Zeit vollständig. Wir haben keine Zeit mehr, weil die Zeit uns hat. Gleichmütig schreitet sie in wissenschaftlich messbaren Schritten durch unser Leben und wir hecheln hinterher. Sie ist eine Naturgewalt und nicht mehr der Raum, in dem wir uns entfalten. Wir unterscheiden die Fortschrittlichkeit einer Kultur an ihrer Pünktlichkeit. Je nachlässiger Termine eingehalten werden, desto rückständiger die Gesellschaft. Entfernungen messen wir nicht in Raum, sondern in Zeit: „Rom ist von Florenz vier Stunden entfernt“, können wir behaupten, ohne dass uns jemand auf die Sinnlosigkeit dieser Aussage hinweist.

Die Händlerklasse, im Mittelalter noch notwendiges Übel, herrscht mittlerweile, dank der Hemmung und der Termine. Sie hat uns überzeugt, dass materieller Wohlstand gleichbedeutend mit Zufriedenheit ist und dieser ist nur zu erreichen, wenn man seine Zeit zu einem Handelsgut macht. Lohnarbeit bedeutet, Lebenszeit gegen Materielles zu tauschen. „Time Management“, ein modernes Freizeithobby, bedeutet, Lebenszeit optimal auszunutzen. „Carpe diem“ ist zu einer Drohung verflacht, denn es bedeutet heute „Nutze Deine 24 Stunden maximal aus“ und nicht mehr, so wie von Horaz beabsichtigt und wörtlich so geschrieben: „Pflücke den Tag wie eine reife Frucht“.

Die Wahrheit ist, dass ich mir das Zeitempfinden eines mittelalterlichen Menschen nicht ausmalen kann, ich bin zu sehr „Kind meiner Zeit“. Ich habe aber durchaus das Gefühl, dass unser Modell weniger human ist als die Hemmungslosigkeit. Unsere Vorstellung aber auf Menschen des Mittelalters zu übertragen, ist schriftstellerische Nachlässigkeit. Jetzt fällt’s mir wieder ein: Das war, was ich eigentlich sagen wollte. Tut mir leid, diese Schlamperei, aber ich muss zum Ende finden. Ich habe keine Zei

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