Ein Beatle für zehn Tage

Die Story um den vergessenen Drummer beginnt mit der Beatlemania – der weltweiten Nervenkrise der weiblichen Babyboomer. Dutzendweise wurden ohnmächtige Frauen aus den Konzerten getragen, dann kamen die Fab Four auf die Bühne, spielten ihre elf Songs herunter und kein Mikrofon konnte das aufzeichnen, zu laut war das Geschrei.
Die Beatles hörten sich gegenseitig nicht mehr spielen, jeder leierte seinen Part herunter, alle – auch Ringo – blickten auf John und den Rhythmus, den er mit seinem Stampfen vorgab. Machte er aber nicht gut.
Die Beatlemanis erreichte ihren Höhepunkt 1964, als es Brian Epstein gelang, sie auch in Amerika zur ersten Boy-Band zu machen. Ein Jahr blieben sie in allen Charts auf Nummer eins in den Vereinigten Staaten.

Die Beatles waren zwei Jahre ununterbrochen auf Tour. Sicher, sie waren jung und griffen zu einer ganze Reihe von pharmakologischen Helferchen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand krank werden musste. Es traf den Senior der Band, Ringo Starr. Er hatte seine Mandelentzündung mit Medikamenten bekämpft, doch jeden Abend in ein Mikro zu brüllen, war nicht hilfreich.
Am Abend des zweiten Juni erlitt er einen Kreislaufzusammenbruch; am nächsten Tag wurde er in eine Klinik eingewiesen. Dumm nur, dass dies der Tag war, an dem er seine Koffer hätte packen müssen, um die nächste Tour zu beginnen. In Australien. So saßen George Martin und Brian Epstein zusammen und überlegten, was man tun kann – es ging um die Fans um viel Geld.

Martin schlug vor, Ringo einfach auszuwechseln, solange er krank war und er hatte auch schon einen Kandidaten im Auge. Jimmi Nicol, der Schlagzeuger einer Band, die Billigversionen von Beatles-Songs sang. Johnny Harris war der Kopf dieser Marketingidee. Er versuchte zu erraten, welcher Beatles-Song der nächste Hit wurde und arrangierte ihn so lange um, bis er sehr ähnlich klang, aber urheberrechtlich doch eine eigene Komposition war. „Sound-A-Like“ heißt dieses Konzept – eine Low-Budget-Version zum halben Preis des Originals, in diesem Fall aus dem gleichen Studio.
Das hatte den Vorteil, dass Jimmi Nicol geübt darin war, so zu trommeln wie der Mann mit der Mandelentzündung. So wollten die beiden „Erwachsenen“ (John Lennon), Epstein und Martin, das mit ihren Jungs machen: Ringo austauschen – war ja schließlich nur der Drummer!
Zuerst sprachen sie mit Lennon und McCartney, die sich schnell überzeugen ließen, und dann mit George Harrison, der das für undiskutabel hielt. „Wenn Ringo nicht mitkommt, bleibe ich auch hier. Du kannst Dir gleich noch ein Ersatz-Beatle suchen!“ – sprach’s und schritt von dannen. George. Loyal. Treu. Zumindest eine gewisse Zeit.
Er ließ sich überreden – er wollte nicht schuld daran sein, so viele Fans zu enttäuschen. Der Kompromiss war gefunden, doch George sprach mit Jimmi niemals auch nur eine Silbe. Epstein bot dem unbekannten Musiker 2500 Pfund für jeden Auftritt und 2500 Pfund für das Unterschreiben des Vertrags. (2500 Pfund 1964 = 50.000 Euro 2022)
„2500 Pfund! Mein Gott, Brian, Du machst den Typen ja völlig verrückt!“ meinte John Lennon bei den Verhandlungen. Alle hielten den Atem an. Jimmi war vor zwei Stunden angerufen worden und stand mit gepackten Koffern im Studio. Er wäre auch umsonst mitgekommen; alleine die Tatsache, dass sein Name zusammen mit dem der Beatles überall auftauchte, sollte genug Ruhm sein, um seine eigene Band bekannt und erfolgreich zu machen.
Dann ergänzte John noch: „Du musst ihm mindestens 10.000 Pfund geben!“ Alle lachten! Es blieb bei 2.500 Pfund. Man hatte noch ein paar Stunden Zeit, bis der Flieger nach Dänemark startete, also übte man die elf Songs. Oder nur noch zehn Songs, denn obwohl Ringo kein Sänger war, Jimmi war schlechter. „I Wanna Be Your Man“ flog aus dem Programm.
27 Stunden nach dem Telefongespräch saß Jimmi Nicol auf dem Hocker, der Ringo zustand. Man hatte ihm noch schnell einen Pilzkopf verpasst. Diese Frisur wirkte an allen Beatles seltsam, bei Jimmi hatte die Friseuse am schlimmsten gewütet, ihr stand als Handwerkszeug wahrscheinlich nur eine Machete zur Verfügung.

Jimmi Nicol. In Dänemark. Unzählbar viele Mädchen um ihn herum, die ihn angafften und schrien wie Furien. Er war ein Beatle! Er saß da in einem Anzug von Ringo, der ihm natürlich ein bis zwei Nummern zu klein war. Paul zählte den ersten Song ein. „She Loves You“. Er zählte „One… two…“. Nichts passiert. Kein Schlagzeug setzt ein. Und noch einmal „One… two…“ Nichts. Jimmi saß mit offenem Mund auf seinem Hocker und fasst nicht, was um ihn herum passiert.
„Am Tag zuvor war ich ein häßlicher junger Mann. Mädchen interessierten sich einen Dreck für mich. Und jetzt saß ich mit den Beatles in einem Auto und da draussen waren Hunderte von hübschen Mädchen, die sterben würden, nur um mich einmal zu berühren. Das war sehr, sehr seltsam und machte mir eine Heidenangst.“ Paul bemerkte das und fragte ihn regelmäßig: „Und? Geht’s schon besser?“, worauf Jimmi rituell antwortete: „Es wird immer besser mit der Zeit.“

Dank Jimmi können wir uns ein Bild machen, was die Beatles so anstellten, wenn sie nicht ihre zehn Songs in den Lärm brüllten. Zum Beispiel in Amsterdam. Da verlautete Mr. Lennon nach dem Konzert, er würde jetzt gerne das beste Bordell im Ort besuchen. Das teilte Mr. Epstein dann dem Veranstalter mit. Und der dann der Polizei. Eine halbe Stunde später fuhr ein Polizeiauto Mr. Lennon und Jimmi in das berühmte „Satyricon“, wo man alle „normalen“ Kunden herausexpediert hatte. Dort verbrachten der alte und der neue Beatle die Nacht, bis sie morgens auf allen vieren aus dem Puff krochen. Der Polizei-Beamte sagte freundlich: „Guten Morgen, Herr Lennon!“, und fuhr die beiden zurück ins Hotel.
Insgesamt wird Nicol für acht Auftritte mit den Beatles touren. In Sydney überreichte ihm eine Radiomoderatorin während eines Interviews einen Sack mit Post – innerhalb von zwei Tagen waren 5000 Liebesbriefe an ihn verfasst worden. In Melbourne lagen die Beatles in ihren Betten – Rausch ausschlafen – als Brian Jimmi wachrüttelt: Gerade sei Ringo angekommen.
Jimmi war kein Beatle mehr.

Man läßt John, Paul und George schlafen, sie verabschieden sich nicht von ihrem Ex-Schlagzeuger. Brian Epstein fährt Jimmi – noch in Beatles-Anzug und Beatle-Boots – zum Flughafen von Melbourne. Er überreicht ihm zehn Fünfzig-Pfund-Noten und eine „Eterna-Matic 3000 Dato“ – damals die Schweizer Luxus-Uhr schlechthin. „Von den Beatles und Brian Epstein – in Anerkennung und Dankbarkeit“ ist auf der Rückseite eingraviert. Dann schüttelt man sich noch einmal die Hände. Epstein geht. Jimmi Nicol sitzt alleine am Flughafen. In den frühen Morgenstunden ist es menschenleer. Er wartet auf seinen Flug. Niemand erkennt ihn. Keiner weiß, wer er ist. Ein Nobody, dann ein Beatle, dann – schnips – wieder ein Nobody.
In der Bar röchelt eine Kaffeemaschine, der Barista blättert in der Zeitung. Jemand von der Putzkolonne wedelt seinen Mop großzügig über die Fliesen und pfeift ein Lied. Es hallt von den Glasscheiben zurück und füllt den Raum. Vielleicht ist es ein Song der Beatles. Ich war einmal ein Beatle, möchte er sagen. Aber er sagt nichts.

Im Flieger wird ihm klar, dass er jetzt nur ein kleines Zeitfenster hat, um von diesem kurzen Ruhm zu profitieren. Die Band, in der er spielt, wird umgetauft. Statt „The Shubdubs“ heißt sie nach seiner Rückkehr „Jimmi Nicol and the Shubdubs“. Schnell werden zwei Singles auf den Markt geworfen: „Night Train“ und kurz darauf „Humpty Dumpty“. Seinen Bandmitgliedern zeigt er in diesen aufgeregten Tagen, wie man das so macht, ein Superstar zu sein: Er führt den Lebensstil eines Beatles weiter, den er 10 Tage gelernt hat.
Meanwhile, in real life: Kein Mensch kauft die Singles. Keiner interessiert sich für den Reserve-Beatle. Ein Jahr später hat er nicht nur seine 23.000 Pfund durchgebracht, sondern noch 4000 Pfund Schulden gemacht, so dass er Insolvenz anmelden muss.

Er wird danach noch einmal Schlagzeuger für die einigermaßen erfolgreiche schwedische Band „The Spotnicks“, bleibt aber auf einer Tour 1967 in Mexiko hängen. Er muss den Bossa Nova studieren, eröffnet er der Band im Drogenrausch.
1977 verdient er, zurückgekommen, sein Geld mit Wohnungsrenovierungen. Die Welt hatte ihn vergessen. 1987 gibt er ein letztes Interview, indem er wörtlich sagt: „Standing in for Ringo was the worst thing that ever happened to me. Until then I was quite happy earning £30 or £40 a week. After the headlines died, I began dying too.“
Als die Schlagzeilen starben, starb ich auch. Ein Jahr später, 1988, kann man seinen Namen noch ein letztes Mal in der Zeitung lesen, als sein Versterben angezeigt wird. Jimmi macht sich nicht einmal die Mühe, eine Gegendarstellung zu verlangen. 2005 unterrichtet die „Daily Mail“ ihre Leser mit der Un-Neuigkeit, dass „Jimmi Nicol noch nicht tot“ ist – seitdem herrscht wieder Ruhe um ihn. Er ist jetzt 82 Jahre alt und wir können nur hoffen, dass er irgendwo sitzt und ein neues Leben gefunden hat.

1967 geht Paul McCartney mit seiner Hündin Martha Gassi, begleitet von Hunter Davies, der an einer offiziellen Biographie der Beatles arbeitet. Während des Spaziergangs bricht die Sonne durch den Frühnebel. Paul meint: „Das Wetter wird die ganze Zeit besser.“ Da muss er lachen, denn auf einmal fällt ihm Jimmi wieder ein, den er in den verrückten zehn Tagen regelmäßig gefragt hat: „Und? Geht’s langsam besser?“.
Jimmi, der Reserve-Beatle hatte dann immer geantwortet: „It’s getting better all the time.“

0 Gedanken zu “Ein Beatle für zehn Tage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.